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Leerverkauf: So funktioniert Short Selling – Ablauf, Risiken und Regeln

Wie ein Leerverkauf abläuft, warum der Verlust unbegrenzt sein kann, welche EU-Regeln gelten und wie Privatanleger Aktien oder Krypto shorten.

Leerverkauf: So funktioniert Short Selling – Ablauf, Risiken und Regeln

Das Wichtigste in Kürze

  • Beim Leerverkauf verkaufst du ein geliehenes Wertpapier und kaufst es später zurück. Fällt der Kurs, bleibt die Differenz abzüglich Kosten als Gewinn.
  • Steigt der Kurs, wächst der Verlust ohne feste Obergrenze. Ein Short Squeeze kann ihn binnen Tagen vervielfachen.
  • In der EU regelt die Leerverkaufsverordnung (EU) Nr. 236/2012 das Short Selling: ungedeckte Leerverkäufe von Aktien sind verboten, Netto-Leerverkaufspositionen sind ab 0,1 % an die Aufsicht zu melden und ab 0,5 % zu veröffentlichen.
  • Privatanleger gehen meist über Derivate short, etwa mit Put-Optionsscheinen, Knock-outs, Short-ETFs, CFDs oder Futures.
  • Krypto shorten läuft meist über Perpetual Futures und CFDs, mit Funding-Kosten und Liquidationsrisiko.

Ein Leerverkauf ist der Verkauf eines Wertpapiers, das du nicht besitzt, sondern dir vorher geliehen hast. Du setzt darauf, dass der Kurs fällt: Später kaufst du das Papier günstiger zurück und gibst es dem Verleiher zurück. Die Differenz ist dein Gewinn, ein steigender Kurs bedeutet Verlust. Im Englischen heißt das Short Selling.

Was ist ein Leerverkauf?

Normalerweise kaufst du zuerst und verkaufst später. Beim Leerverkauf drehst du die Reihenfolge um. Dafür leihst du dir die Aktie, meist vermittelt über Bank oder Broker, bei einem Verleiher wie einem Fonds oder einer Versicherung.

Wer so auf fallende Kurse setzt, „geht short“ oder hält eine Short-Position. Wer kauft und auf steigende Kurse hofft, ist „long“. Bei Kryptowährungen spricht man vom Shorten, wenn du auf einen fallenden Bitcoin- oder Altcoin-Kurs setzt. Ein echtes Leihgeschäft steckt dabei selten dahinter.

So funktioniert ein Leerverkauf: leihen, verkaufen, zurückkaufen

Der Ablauf hat immer drei Schritte. Ein Beispiel mit erfundenen Zahlen zeigt, wie Gewinn und Kosten zusammenkommen:

  1. Leihen: Du leihst dir 100 Aktien der Beispiel AG. Der Verleiher bekommt dafür eine Leihgebühr.
  2. Verkaufen: Du verkaufst die 100 Aktien sofort zu je 50 € und erhältst 5.000 €.
  3. Zurückkaufen: Drei Monate später notiert die Aktie bei 40 €. Du kaufst 100 Stück für 4.000 € zurück und gibst sie dem Verleiher.

Vor Kosten bleiben 1.000 € übrig. Davon gehen Leihgebühr, Ordergebühren und gegebenenfalls Zinsen ab. Wäre die Aktie auf 60 € gestiegen, hättest du 6.000 € für den Rückkauf zahlen müssen und 1.000 € plus Kosten verloren.

Gedeckter und ungedeckter Leerverkauf

Beim gedeckten Leerverkauf hast du die Aktie geliehen oder dir die Leihe fest zusichern lassen, bevor du verkaufst. Beim ungedeckten (nackten) Leerverkauf verkaufst du, ohne die Papiere geliehen oder gesichert zu haben. Du hoffst, sie bis zur Lieferung noch irgendwo zu bekommen.

Nackte Leerverkäufe können mehr Verkaufsdruck erzeugen, als Aktien verfügbar sind. In der EU sind sie für Aktien deshalb grundsätzlich verboten.

Long vs. Short: der Unterschied auf einen Blick

Merkmal Long-Position Short-Position (Leerverkauf)
Erwartung Kurs steigt Kurs fällt
Reihenfolge Erst kaufen, später verkaufen Erst verkaufen, später zurückkaufen
Höchster Gewinn Theoretisch unbegrenzt Begrenzt, höchstens bis Kurs null
Höchster Verlust Begrenzt auf den Einsatz Theoretisch unbegrenzt
Laufende Kosten Meist keine (ohne Hebel) Leihgebühr, Dividendenausgleich, oft Zinsen
Dividenden Du erhältst sie Du zahlst sie an den Verleiher

Entscheidend ist die Asymmetrie: Long ist der Verlust begrenzt, short der Gewinn.

Was kostet ein Leerverkauf?

Solange eine Short-Position offen ist, kostet sie Geld. Je länger sie läuft, desto stärker muss der Kurs fallen.

  • Leihgebühr: Der Verleiher verlangt eine Gebühr, meist als Jahreszins auf den Wert der Aktien. Bei begehrten, knappen Titeln kann sie deutlich steigen.
  • Dividendenausgleich: Schüttet das Unternehmen während der Leihe eine Dividende aus, musst du sie dem Verleiher ersetzen.
  • Sicherheiten und Zinsen: Der Broker verlangt eine Sicherheitsleistung (Margin). Steigt der Kurs, musst du nachschießen, sonst wird die Position zwangsweise geschlossen.
  • Handelskosten: Ordergebühren und Spread fallen beim Verkauf und beim Rückkauf an.

Risiken von Leerverkäufen: Warum der Verlust unbegrenzt sein kann

Eine Aktie kann höchstens auf null fallen, steigen kann sie dagegen ohne Grenze. Im Beispiel oben verlierst du bei einem Kurs von 150 € schon 10.000 €, also das Doppelte deines Verkaufserlöses. Dieses Risiko unterscheidet Leerverkäufe grundlegend vom normalen Aktienkauf.

Hinzu kommt das Timing: Steigt der Kurs zwischenzeitlich stark, schließt der Broker die Position womöglich mit Verlust, bevor der erhoffte Rückgang kommt. Wie du Positionsgrößen und Verlustgrenzen planst, steht im Ratgeber Risikomanagement beim Trading.

Short Squeeze: das Beispiel GameStop im Januar 2021

Bei einem Short Squeeze müssen viele Leerverkäufer gleichzeitig zurückkaufen. Ihre Käufe treiben den Kurs weiter und setzen die nächsten Short-Positionen unter Druck.

Das bekannteste Beispiel ist die US-Aktie GameStop. Laut einem Bericht der US-Börsenaufsicht SEC vom 14. Oktober 2021 lag das Short Interest Ende Dezember 2020 bei rund 109 % der ausgegebenen Aktien. Im Januar 2021 kauften viele Privatanleger, angefeuert in Foren wie Reddit. Der Schlusskurs stieg bis zum 27. Januar auf 347,51 US-Dollar, am 28. Januar erreichte die Aktie im Tagesverlauf 483 US-Dollar. Vom Tagestief am 8. Januar bis zum Hoch am 28. Januar entsprach das einem Plus von rund 2.700 %.

Die SEC kam allerdings zu dem Schluss, dass nicht die Deckungskäufe der Leerverkäufer, sondern die anhaltend positive Stimmung der Käufer den wochenlangen Anstieg getragen hat. Bis Anfang Februar fiel der Kurs um mehr als 86 %.

Warum gibt es Leerverkäufe? Nutzen und Kritik

Leerverkäufe haben einen schlechten Ruf, sind aber nützlich: Fonds sichern damit Bestände ab, Marktmacher stellen damit laufend Kurse, und negative Informationen fließen schneller in die Preise ein.

Ein deutsches Beispiel ist Wirecard. Am 18. Februar 2019 verbot die BaFin für zwei Monate, neue Netto-Leerverkaufspositionen in Wirecard-Aktien aufzubauen oder bestehende zu erhöhen. Es war das erste solche Verbot für eine einzelne Aktie. Am 25. Juni 2020 stellte Wirecard Insolvenzantrag, nachdem 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht existierten.

Kritiker halten dagegen, dass massive Leerverkäufe Kursstürze in Krisen verstärken können. Die Aufsicht darf sie deshalb vorübergehend beschränken.

Leerverkauf in der EU: Regeln und Meldepflichten

Seit 2012 gilt die Leerverkaufsverordnung (EU) Nr. 236/2012. Sie erfasst Finanzinstrumente, die an einem Handelsplatz in der EU zugelassen sind, darauf bezogene Derivate und Schuldtitel der öffentlichen Hand. In Deutschland überwacht die BaFin die Einhaltung.

Verbot ungedeckter Leerverkäufe in Aktien

Nach Artikel 12 darfst du eine zugelassene Aktie nur leer verkaufen, wenn du sie geliehen hast, einen durchsetzbaren Anspruch auf Lieferung besitzt oder ein Dritter bestätigt hat, dass er die Aktie für dich lokalisiert hat. Ein nackter Leerverkauf ohne eine dieser Absicherungen ist damit unzulässig.

Meldung an die BaFin und Veröffentlichung im Bundesanzeiger

Netto-Leerverkaufspositionen in Aktien unterliegen einem zweistufigen Transparenzsystem:

  • Meldung an die Aufsicht: ab 0,1 % des ausgegebenen Aktienkapitals und danach bei jeder weiteren Stufe von 0,1 % (Art. 5, Schwelle seit der Delegierten Verordnung (EU) 2022/27).
  • Veröffentlichung: ab 0,5 % und danach ebenfalls in Schritten von 0,1 % (Art. 6). In Deutschland erfolgt das im Bundesanzeiger.
  • Frist: Maßgeblich ist die Position um 24 Uhr am Ende des Handelstags. Meldung oder Veröffentlichung müssen bis 15:30 Uhr am folgenden Handelstag erfolgen (Art. 9).

Im Bundesanzeiger kannst du unter „Kapitalmarkt“ nachsehen, welche großen Investoren eine Aktie leerverkauft haben.

Bitcoin und andere Kryptowährungen sind keine an einem EU-Handelsplatz zugelassenen Finanzinstrumente im Sinne dieser Verordnung. Für Krypto-Short-Positionen gelten die Meldepflichten der Leerverkaufsverordnung deshalb nicht.

Short gehen als Privatanleger: die Möglichkeiten

Ein klassischer Leerverkauf mit Wertpapierleihe ist für Privatanleger bei vielen Banken nicht vorgesehen. Wer short gehen will, nutzt deshalb meist Produkte, die von fallenden Kursen profitieren:

Instrument So funktioniert es Hauptrisiko
Put-Optionsschein Gewinnt an Wert, wenn der Basiswert fällt Zeitwertverlust, Totalverlust bei Laufzeitende möglich
Turbo-/Knock-out-Short Gehebelte Wette auf fallende Kurse mit Knock-out-Schwelle Wird die Schwelle erreicht, verfällt das Papier ganz oder fast wertlos
Short-ETF/-ETP Bildet die umgekehrte Tagesentwicklung eines Index oder Basiswerts nach Tägliche Neuberechnung, in schwankenden Seitwärtsphasen schleichender Wertverlust
CFD Differenzkontrakt mit Hebel, short ebenso handelbar wie long Hebel vervielfacht Verluste, Finanzierungskosten über Nacht
Future Terminkontrakt, als Verkäufer profitierst du von fallenden Kursen Hebel, Nachschuss oder Liquidation bei Kursanstieg

Bei Turbos, Optionsscheinen und Short-ETFs ist der Verlust auf den Einsatz begrenzt, bei CFDs für Privatkunden in der EU dank Negativsaldoschutz auf das Kontoguthaben. Wie Differenzkontrakte genau funktionieren, erklärt unser Ratgeber Was sind CFDs?, die Wirkung des Hebels steht unter Hebel-Trading.

Krypto shorten: Leerverkauf bei Bitcoin und Co.

Auch bei Kryptowährungen kannst du auf fallende Kurse setzen. Ein klassischer Leerverkauf mit geliehenen Coins geht an manchen Börsen per Margin-Handel, üblicher sind aber Derivate ganz ohne Leihe.

Perpetual Futures und Funding

Am häufigsten wird Krypto über Perpetual Futures geshortet. Das sind Terminkontrakte ohne Ablaufdatum. Damit ihr Preis nahe am Kassakurs bleibt, tauschen Long- und Short-Seite in festen Abständen eine Funding-Zahlung aus. Liegt der Kontrakt über dem Kassakurs, zahlen die Longs an die Shorts, liegt er darunter, zahlen die Shorts. Wie Futures grundsätzlich funktionieren, erklärt die Einführung in den Krypto-Futures-Handel.

Liquidation: das größte Risiko beim Krypto-Short

Futures handelst du mit Sicherheitsleistung und meist mit Hebel. Steigt der Kurs gegen deine Short-Position, schrumpft deine Margin. Unterschreitet sie die Mindestgrenze, schließt die Börse die Position zwangsweise, und die Sicherheit ist ganz oder großteils verloren. Weil Kryptokurse oft binnen Stunden um mehrere Prozent springen, kann das bei hohem Hebel sehr schnell passieren. Plane deshalb vor jedem Trade einen Stop-Loss und eine Positionsgröße, deren Verlust du verkraftest.

Krypto-CFDs

Über CFD-Broker kannst du Bitcoin, Ethereum und andere Coins ebenfalls short handeln. Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA hat den Hebel für Krypto-CFDs bei Privatkunden 2018 auf höchstens 2:1 begrenzt, dazu kommen Negativsaldoschutz und eine Glattstellung, sobald die Margin auf die Hälfte der Mindestmargin fällt. In Deutschland gelten diese Regeln seit August 2019 dauerhaft per Allgemeinverfügung der BaFin. Welche Anbieter Krypto-CFDs führen und was sie kosten, zeigt der Krypto-CFD-Vergleich.

Den Gegenentwurf zum Shorten beschreibt der Ratgeber HODL, Grundlagen des aktiven Handels stehen unter Trading lernen.

Steuern auf Leerverkäufe und Short-Positionen

Gewinne aus Leerverkäufen von Aktien sowie aus Derivaten wie CFDs, Futures oder Optionsscheinen sind in Deutschland Einkünfte aus Kapitalvermögen (§ 20 EStG). Es gilt die Abgeltungsteuer unabhängig von der Haltedauer, der Sparerpauschbetrag bleibt steuerfrei. Die frühere Grenze von 20.000 € für die Verrechnung von Verlusten aus Termingeschäften hat der Gesetzgeber mit dem Jahressteuergesetz 2024 gestrichen.

Die einjährige Haltefrist für private Veräußerungsgeschäfte gilt nur, wenn du Kryptowährungen selbst kaufst und verkaufst. Für Krypto-Derivate greift sie nicht. Die Regeln für direkt gehaltene Coins erklären die Seiten Krypto-Haltefrist und Krypto-Steuern. Diese Übersicht ersetzt keine Steuerberatung.

Häufige Fragen zum Leerverkauf

Was bedeutet „short gehen“?

Short gehen heißt, auf einen fallenden Kurs zu setzen. Das geschieht entweder mit einem echten Leerverkauf geliehener Wertpapiere oder mit Derivaten wie Puts, Knock-outs, CFDs und Futures, die bei fallenden Kursen an Wert gewinnen.

Sind Leerverkäufe in Deutschland erlaubt?

Ja, gedeckte Leerverkäufe sind erlaubt. Ungedeckte Leerverkäufe von Aktien verbietet die EU-Leerverkaufsverordnung. Große Netto-Leerverkaufspositionen müssen der BaFin gemeldet und ab 0,5 % des Aktienkapitals im Bundesanzeiger veröffentlicht werden.

Wie viel kann ich bei einem Leerverkauf verlieren?

Beim direkten Leerverkauf theoretisch unbegrenzt viel, weil ein Kurs ohne Obergrenze steigen kann. Bei Optionsscheinen, Knock-outs und Short-ETFs ist der Verlust auf deinen Einsatz begrenzt, bei Privatkunden-CFDs in der EU auf dein Kontoguthaben.

Was ist ein Short Squeeze?

Ein Short Squeeze entsteht, wenn ein steigender Kurs viele Leerverkäufer zum Rückkauf zwingt. Ihre Käufe treiben den Kurs zusätzlich nach oben. Bekanntestes Beispiel ist GameStop im Januar 2021.

Kann man Bitcoin leerverkaufen?

Ja, über Perpetual Futures, Futures, CFDs oder Margin-Handel mit geliehenen Coins. Hebel, Funding-Kosten und Liquidationen machen das besonders riskant.

Wo sehe ich, wer eine Aktie shortet?

Netto-Leerverkaufspositionen ab 0,5 % des Aktienkapitals stehen im Bundesanzeiger unter „Kapitalmarkt“. Kleinere Positionen kennt nur die Aufsicht.

Kryptowährungen sind sehr schwankungsanfällig. Dieser Artikel ist keine Anlageberatung.

Kevin van der Linden

Über Kevin van der Linden

Als Autor & Gründer von Krypto-Boersen.com liegt es mir am Herzen, meine Expertise in den Bereichen Kryptowährungen und Blockchain-Technologien zu teilen, um Ihnen eine seriöse Anlaufstelle für aktuelle Informationen zu bieten. Durch mein Studium der Medien- und Kommunikationsinformatik und meinem hohen Interesse an neuen Technologien und Finanzen, konnte ich über die letzten Jahre tiefe Einblicke in diese Themenfelder erlangen. Als leidenschaftlicher Krypto-Enthusiast und Investor weiß ich, wie wichtig es ist, auf dem neuesten Stand zu bleiben und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Mein Ziel ist es, Ihnen dabei zu helfen, das nötige Verständnis für die Chancen und Risiken des Marktes aufzubauen.

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