Der Zusammenschluss und sein Zerfall
Am 27. März 2024 kündigten Fetch.ai, SingularityNET und Ocean Protocol an, ihre Token zu einem einzigen zusammenzuführen. Am 13. Juni 2024 war der Zusammenschluss vollzogen: FET wurde zu ASI umbenannt, AGIX im Verhältnis 0,43335 und OCEAN im Verhältnis 0,433226 umgetauscht. Ein neuer Vertrag wurde dabei nicht erzeugt; FET übernahm lediglich die neue Marke. Im Oktober 2024 kam der Rechenanbieter CUDOS als viertes Mitglied dazu.
Am 9. Oktober 2025 zog die Ocean Protocol Foundation ihre Direktoren zurück und trat mit sofortiger Wirkung aus. Als Grund nannte sie den Bedarf an eigener Tokenomik und eigenen Finanzierungswegen. Zu diesem Zeitpunkt waren rund 81 Prozent des OCEAN-Angebots bereits umgetauscht; rund 270 Millionen OCEAN auf gut 37.000 Adressen blieben stehen.
Daraus wurde ein offener Streit. Fetch.ai-Vorstand Humayun Sheikh wirft Ocean vor, im Juli 2025 rund 661 Millionen OCEAN in etwa 286 Millionen FET umgewandelt und am Markt verkauft zu haben, damals rund 120 Millionen US-Dollar. Er kündigte Sammelklagen in mindestens drei Rechtsordnungen an und bot am 24. Oktober 2025 an, alle Ansprüche fallenzulassen, wenn die Token zurückgegeben würden. Ocean verlangt ein schriftliches Angebot an die Anwälte und weist die Vorwürfe zurück. Wie das Verfahren ausgegangen ist, lässt sich aus den Quellen dieses Kanons nicht belegen.
Für Anleger ist die Größenordnung entscheidend: Die strittigen 286 Millionen FET entsprechen rund 12 Prozent der heutigen Umlaufmenge. Wenn eine einzelne Stiftung eine solche Menge bewegen kann, ist das Konzentrationsrisiko kein theoretisches.
Der Ticker, der nicht gewechselt wurde
Die Allianz schreibt auf der eigenen Token-Seite, die letzte Stufe der Umstellung von FET auf das förmliche Kürzel ASI stehe aus. Ein Termin steht dort nicht. Praktisch bedeutet das: Anzeigename Artificial Superintelligence Alliance, Handelssymbol FET, und zwar seit über zwei Jahren. Der Grund liegt im Aufwand, ein Symbol über hunderte Börsen, Wallets und Anwendungen zu ändern; schon 2024 führte Coinbase die Umstellung für seine Kunden nicht durch und verwies sie an ihre eigenen Wallets.
Die Produkte: was läuft, was Beta ist, was es nicht gibt
Die Allianz bewirbt einen vollständigen Baukasten für KI-Agenten. Der Abgleich mit der eigenen Produktübersicht ergibt ein nüchterneres Bild.
- ASI-1 Mini, ein Sprachmodell für Agenten-Abläufe, ist seit Februar 2025 verfügbar und läuft.
- Agentverse, das Verzeichnis und die Laufzeitumgebung für Agenten, läuft.
- ASI Wallet läuft für Mobilgeräte und Browser.
- ASI:Cloud, die verteilte Rechenleistung von SingularityNET und CUDOS, ist seit dem 23. September 2025 in der Beta-Phase und wird dort weiterhin geführt.
- ASI:Chain, die eigene Blockchain, steht laut Produktseite bei einem Entwicklungsnetz mit einem Startknoten, drei Validatoren und wertlosen Testmünzen. Der Fahrplan führt ein erstes Testnetz als “in Arbeit” und das Hauptnetz als “nicht gestartet”.
- ASI:Create, ein Baukasten für Agenten, wurde im November 2024 angekündigt, danach als geschlossene Alpha geführt und erscheint auf der aktuellen Produktübersicht nicht mehr.
Von sechs beworbenen Bausteinen laufen also drei im Regelbetrieb, einer ist Beta, einer ein Entwicklungsnetz und einer ohne belegbaren Status.
Nutzung: keine unabhängig prüfbare Kennzahl
Das ist der unangenehmste Befund dieser Recherche. Die Allianz nennt für Agentverse rund 2,7 Millionen Agenten. Eine unabhängige Quelle für diese Zahl gibt es nicht, und externe Zählungen über mehrere Agentenverzeichnisse kommen auf Größenordnungen darunter. Zahlende Kunden, Umsätze, Transaktionszahlen oder ein gebundener Wert lassen sich für die Allianz aus den zulässigen Quellen überhaupt nicht belegen.
Das heißt nicht, dass es keine Nutzung gibt. Es heißt, dass niemand außerhalb des Projekts sie messen kann. Für eine Bewertung von 427 Millionen US-Dollar ist das ein Zustand, den Anleger kennen sollten.
Der institutionelle Käufer und was aus ihm wurde
Am 11. Juni 2025 kündigte das an der Nasdaq notierte Unternehmen Interactive Strength an, bis zu 500 Millionen US-Dollar einzusammeln, um damit ausschließlich FET zu kaufen, und so die größte börsennotierte Krypto-Kasse mit Schwerpunkt auf einem KI-Token aufzubauen.
Die Pflichtmitteilung vom 13. August 2025 nennt den tatsächlichen Stand: 67,4 Millionen FET zu einem Durchschnittspreis von 0,70 US-Dollar, also rund 47 Millionen US-Dollar. Im September 2026 liegt der Bestand bei 59 Millionen FET im Wert von rund 10,8 Millionen US-Dollar. Umgesetzt wurden also weniger als zehn Prozent der Ankündigung, der Bestand ist seither geschrumpft und hat rund drei Viertel an Wert verloren. Das Unternehmen selbst führte am 24. Februar 2026 eine Aktienzusammenlegung im Verhältnis 1 zu 10 und am 29. Juni 2026 eine weitere im Verhältnis 1 zu 7 durch, jeweils um die Mindestnotierung von einem US-Dollar wiederherzustellen.
Für FET gibt es weder einen Antrag auf einen Spot-ETF noch regulierte Terminkontrakte. Der einzige belegbare institutionelle Käufer ist damit ein Nasdaq-Kleinstwert in Schwierigkeiten.
Angebot
Die Allianz nennt eine Gesamtmenge von 2,71 Milliarden FET bei einer Umlaufmenge von 2,39 Milliarden; CoinGecko weist 2,31 Milliarden im Umlauf aus. Eine Inflationsrate nennt die offizielle Token-Seite nicht, und ein Verbrennungsmechanismus ist dort ebenfalls nicht dokumentiert. Verbreitete Angaben zu Rückkaufprogrammen und Staking-Renditen ließen sich nicht an einer zulässigen Quelle prüfen und stehen deshalb nicht auf dieser Seite.
Makro und Marktumfeld
Am 16. September hat die US-Notenbank den Leitzins einstimmig um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben. Der CLARITY Act verfehlte am 15. September im Senat die nötigen 60 Stimmen. Die Bitcoin-Dominanz fiel unter 59 Prozent.
Für FET zählt darüber hinaus ein zweiter Markt: die Stimmung gegenüber KI-Werten insgesamt. Der Kurs ist diesem Muster in der Vergangenheit deutlich enger gefolgt als den eigenen Produktkennzahlen. Das Plus von 52 Prozent in dreißig Tagen ist ohne eine eigene Meldung zustande gekommen.