Der Auslöser: ein Programm, das den eigenen Kurs zur Bedingung macht
Am 17. September meldete NEAR, der vertrauliche gebundene Wert auf der App near.com habe 70 Millionen US-Dollar überschritten. Damit wurde automatisch die erste Ausschüttung des Programms NEAR@3.33 ausgelöst: 333.333 Token gehen an Nutzer, die mehr als 100 US-Dollar vertraulich halten und mindestens einen vertraulichen Tausch ausgeführt haben, höchstens 2 Prozent je Wallet.
Entscheidend ist die Bedingung dahinter. Die Belohnungen bleiben gesperrt, bis der volumengewichtete Dreitagesdurchschnitt des NEAR-Kurses bei mindestens 3,33 US-Dollar liegt. Wer die Token erhalten will, hat also ein Interesse daran, dass der Kurs steigt. Das erklärt den Sprung auf über 4 US-Dollar besser als jede Nachricht über die Technik, und es schneidet in beide Richtungen.
Stand der Bedingung am 21. September: Die Tageswerte von CoinGecko lagen am 19., 20. und 21. September bei 3,76, 3,59 und 4,16 US-Dollar, im Mittel also bei 3,84 US-Dollar. Damit ist die Schwelle von 3,33 US-Dollar auf dieser Berechnungsgrundlage seit dem 20. September überschritten. Welchen Kursmaßstab das Projekt genau heranzieht, ist nicht veröffentlicht, und eine Bestätigung der Freigabe durch NEAR lag zum Redaktionsschluss nicht vor. Für die Prognose ist die Richtung dennoch klar: Aus dem Anreiz, den Kurs zu stützen, wird in dem Moment, in dem die Token einlösbar sind, ein mögliches Verkaufsangebot von 333.333 NEAR, zum aktuellen Kurs rund 1,4 Millionen US-Dollar.
Die Zahl selbst ist eine Angabe des Projekts. Der vertrauliche gebundene Wert wird von keiner unabhängigen Stelle gemessen, DefiLlama führt ihn nicht.
Der Befund, der auf keiner Werbeseite steht
Während der Kurs steigt, fällt die Nutzung. Am 20. September 2026 verarbeitete NEAR 846.013 Transaktionen, im Schnitt der letzten 30 Tage 730.784 am Tag. Am selben Kalendertag des Vorjahres waren es 4.468.326, im Monatsschnitt September 2025 sogar 4.677.698 (Explorerdaten NearBlocks, Abruf 21.09.2026).
Das ist ein Rückgang um 81 Prozent bei gleichzeitig um 173 Prozent gestiegenem Kurs. Immerhin: Der Dreissigtageschnitt ist gegenüber der Vorwoche von rund 712.600 auf 730.784 gestiegen, die Talsohle könnte also erreicht sein. Von einer Trendwende in der Nutzung ist das weit entfernt. Wer NEAR kauft, kauft derzeit keine wachsende Nutzung, sondern eine Erwartung.
Einnahmen: ein einziges Produkt trägt alles
In den vergangenen 30 Tagen nahm das NEAR-Ökosystem 6,38 Millionen US-Dollar an Gebühren ein (DefiLlama, 21.09.2026). Davon entfallen 5,89 Millionen auf NEAR Intents, den Dienst, über den Nutzer ein gewünschtes Ergebnis vorgeben und Dienstleister die Ausführung übernehmen. Die Blockchain selbst kommt auf 65.191 US-Dollar, die größte Handelsanwendung auf 305.703 US-Dollar. Ein einziges Produkt steht damit für 92 Prozent der Einnahmen.
Auf zwölf Monate hochgerechnet ergeben die 6,38 Millionen rund 77 Millionen US-Dollar. Gegen eine Marktkapitalisierung von 5,41 Milliarden ist das ein Vielfaches von rund 71. Die Gebühren sind in einer Woche um 13 Prozent gestiegen, der Kurs um 61 Prozent; das Vielfache ist also trotz wachsender Einnahmen größer geworden. BitMEX Research kam im Mai auf das 56-fache und hielt NEAR damit für günstiger bewertet als größere Wettbewerber; seither ist der Kurs schneller gestiegen als die Gebühren.
Technik: die Umbauten sind echt, das Zielbild ist weiter weg als beworben
NEAR teilt seine Chain in Shards. Mit dem dynamischen Resharding sollen sich Shards ohne Abstimmung selbst teilen und wieder zusammenlegen; das Projekt nennt als Ziel über 70 Shards. Die Softwarefassung dafür erschien am 9. Juli 2026. Eine Abfrage des Hauptnetzes am 21. September zeigt eine mittlere Blockzeit von 0,61 Sekunden und 414 erreichbare Knoten (NearBlocks). Das Zielbild ist also eine Richtung, kein Zustand.
Der eigentliche Unterschied zu anderen Blockchains liegt woanders: NEAR Intents und die darauf aufbauende vertrauliche Ausführung. Seit Juli 2026 ist sie allgemein verfügbar. Transaktionen laufen dabei über eine eigene Shard mit ausgewählten Validatoren und einer abgesicherten Brücke zum Hauptnetz. Anders als bei Monero oder Zcash ist Vertraulichkeit nicht der Standard, sondern eine Option, und sie bleibt für Behörden prüfbar. Genau diese Bauweise soll institutionelle Nutzer ansprechen, und genau sie benennt der ETF-Antrag von Bitwise als regulatorisches Risiko.
Angebot: halbierte Inflation, nachweisbar
NEAR gab ursprünglich 5 Prozent der Gesamtmenge im Jahr neu aus, 90 Prozent davon an Validatoren, 10 Prozent an die NEAR Foundation. Am 30. Oktober 2025 wurde die Obergrenze auf 2,5 Prozent halbiert. Die Gegenprobe bestätigt es: Die Gesamtmenge stieg von 1.271,4 Millionen NEAR am 17. September 2025 auf 1.306,7 Millionen am 18. September 2026, also um 2,8 Prozent.
Bemerkenswert ist, wie die Halbierung zustande kam. Die Abstimmung der Gemeinschaft erreichte mit 45,06 Prozent Zustimmung die nötige Zweidrittelmehrheit nicht. Umgesetzt wurde sie trotzdem, weil die getrennte Schwelle von 80 Prozent des Validatoren-Stakes erreicht war. Für Anleger ist das eine gute Nachricht zum Angebot und eine unangenehme zur Selbstverwaltung.
Alle Transaktionsgebühren werden verbrannt, bisher abzüglich einer Rückvergütung von 30 Prozent an die Betreiber der aufgerufenen Verträge. Diese Rückvergütung ist per Beschluss abgeschafft und kommt mit der nächsten Softwarefassung, deren Vorabversion am 16. September erschien. Wirtschaftlich ändert das wenig: In 30 Tagen wurden rund 26.865 NEAR verbrannt, während bei 2,5 Prozent Inflation etwa 2,7 Millionen NEAR neu entstanden. NEAR bleibt klar inflationär.
Gestakt sind 571,4 Millionen NEAR bei 417 Validatoren, also 44 Prozent der Gesamtmenge.
Zugang: der ETF ist beantragt, nicht zugelassen
Bitwise betreibt seit 2025 einen Zulassungsantrag für einen Spot-ETF auf NEAR. Die jüngste Änderung datiert vom 16. September 2026, also zwei Tage vor dem Kurssprung. Geplant sind das Kürzel NRR an der NYSE Arca, eine Gebühr von 0,75 Prozent im Jahr, Verwahrung bei Coinbase und die Absicht, den gesamten Bestand zu staken. Zugelassen ist der Fonds nicht.
In Europa ist der Zugang bereits offen: 21Shares führt ein physisch hinterlegtes NEAR-Produkt mit Staking. Bitwise ist zugleich mit 25,4 Millionen NEAR der drittgrößte Validator des Netzwerks.
Makro und Marktumfeld
Der US-Leitzins liegt seit dem 16. September bei 3,75 bis 4,00 Prozent, angehoben um einstimmige 25 Basispunkte und damit erstmals seit Juli 2023 (FOMC-Erklärung vom 16.09.2026). Zehnjährige US-Staatsanleihen rentierten am 18. September mit 5,01 Prozent (US-Finanzministerium, tägliche Zinsstrukturkurve, letzter veröffentlichter Wert). Der CLARITY Act verfehlte am 15. September im Senat die nötigen 60 Stimmen, woraufhin SEC und CFTC ankündigten, die Regeln selbst zu schreiben. In der Woche bis zum 21. September hat NEAR mit 61 Prozent weit stärker zugelegt als Bitcoin mit 9 Prozent; die Bewegung ist damit überwiegend NEAR-eigen und nicht mit dem Marktumfeld zu erklären. NEAR wurde in der gemeinsamen Auslegung von SEC und CFTC nicht namentlich als digitaler Rohstoff genannt; die Einordnung nach US-Recht bleibt offen, und der ETF-Antrag führt genau das als Risiko auf.