Galaxy Digital hat in einer aktuellen Studie ein strukturelles Problem identifiziert, das die langfristige Stabilität des Bitcoin-Netzwerks bedrohen könnte. Die Krypto-Investmentfirma zeigt einen besorgniserregenden Trend auf: Die Nachfrage nach Platz in Bitcoin-Blöcken geht kontinuierlich zurück, während sich Bitcoin zunehmend zu einer reinen Abrechnungsschicht entwickelt – die paradoxerweise immer weniger abzurechnen hat.
Die Analyse zeigt, dass trotz Bitcoins Kursanstieg auf neue Rekordhöhen die Transaktionsgebühren dramatisch eingebrochen sind. Während der Bitcoin-Preis seit Jahresbeginn um über 180 Prozent gestiegen ist, fielen die durchschnittlichen Transaktionsgebühren von einem Höchststand von 128 Dollar im April auf unter 2 Dollar. Diese Entwicklung gefährdet das grundlegende Sicherheitsmodell von Bitcoin, das langfristig auf Transaktionsgebühren als Haupteinnahmequelle für Miner angewiesen ist.
Galaxy Digital: Bitcoin droht ein Dilemma zwischen Abrechnung und fehlendem Inhalt
Die Investmentfirma Galaxy Digital hat eine umfassende Analyse des Bitcoin-Gebührenmarkts veröffentlicht, die alarmierende Entwicklungen aufzeigt. Nach den Erkenntnissen der Studie ist die Nachfrage nach Platz in Bitcoin-Blöcken seit dem Höhepunkt im April um über 95 Prozent eingebrochen. Während Bitcoin-Transaktionen im April durchschnittlich 128 Dollar kosteten, liegen die Gebühren aktuell bei weniger als 2 Dollar pro Transaktion.
Besonders besorgniserregend ist dabei die Diskrepanz zwischen Preisentwicklung und tatsächlicher Nutzung. Obwohl Bitcoin neue Allzeithochs erreicht hat, ist das tägliche Transaktionsvolumen von einem Spitzenwert von 800.000 Transaktionen auf unter 300.000 gefallen. Galaxy Digital bezeichnet diese Entwicklung als strukturelles Risiko, da das Netzwerk seine Funktion als dezentrale Abrechnungsschicht zunehmend verliert, obwohl es technisch genau dafür optimiert wurde.
Die Studie hebt hervor, dass diese Entwicklung nicht nur vorübergehend ist, sondern strukturelle Ursachen hat. Die gestiegene Effizienz von Bitcoin-Transaktionen durch Technologien wie Segregated Witness und die Verlagerung von Aktivitäten auf Second-Layer-Lösungen reduzieren dauerhaft den Bedarf an teuren On-Chain-Transaktionen.
Warum weniger Transaktionen Bitcoins Sicherheit gefährden
Das Sicherheitskonzept von Bitcoin basiert auf einem zweistufigen Belohnungssystem für Miner. Aktuell erhalten Miner 3,125 Bitcoin pro Block als Basisbelohnung plus die gesammelten Transaktionsgebühren. Während die Basisbelohnung alle vier Jahre halbiert wird, sollten die Transaktionsgebühren langfristig zur Haupteinnahmequelle für Miner werden. Die aktuelle Entwicklung stellt dieses Modell grundlegend in Frage.
Galaxy Digital hat berechnet, dass Transaktionsgebühren derzeit nur etwa 1,5 Prozent der gesamten Mining-Einnahmen ausmachen. Bei der nächsten Halbierung im Jahr 2028 wird sich die Block-Belohnung auf 1,5625 Bitcoin reduzieren. Ohne eine deutliche Steigerung der Gebühreneinnahmen könnte dies zu einer Abwanderung von Minern führen, was die Hash-Rate und damit die Netzwerksicherheit schwächen würde.
Die Hash-Rate, die aktuell bei über 850 Exahashes pro Sekunde liegt, hängt direkt von der Profitabilität des Minings ab. Analysen zeigen, dass bereits ein Rückgang der Hash-Rate um 20 Prozent die Bestätigungszeiten verlängern und den Schutz vor 51-Prozent-Attacken verringern könnte. Das Problem zeigt sich somit nicht nur in geringeren Gebühreneinnahmen, sondern in einer möglichen Schwächung der gesamten Netzwerkinfrastruktur.
Layer-2-Lösungen verschärfen das Problem paradoxerweise
Ironischerweise verstärken die technologischen Fortschritte, die Bitcoin effizienter machen sollen, das identifizierte Gebührenproblem. Das Lightning Network, Bitcoins bekannteste Second-Layer-Lösung, hat eine Kapazität von über 5.500 Bitcoin erreicht und wickelt täglich tausende von Transaktionen ab, ohne die Hauptkette zu belasten. Jede Lightning-Transaktion, die außerhalb der Blockchain verarbeitet wird, reduziert die potenzielle Nachfrage nach gebührenpflichtigen On-Chain-Transaktionen.
Galaxy Digital zeigt auf, dass ein typischer Lightning-Kanal mit einer einzigen Eröffnungstransaktion auf der Blockchain hunderte von Transaktionen außerhalb der Kette ermöglichen kann. Diese Effizienzsteigerung ist technisch erwünscht, führt jedoch dazu, dass weniger Gebühren anfallen, was die Einnahmen der Miner langfristig schmälert. Ähnliche Effekte zeigen sich bei anderen Layer-2-Lösungen und bei Verfahren, die mehrere Transaktionen in einer einzelnen Blockchain-Transaktion bündeln.
Die Studie dokumentiert, dass das Verhältnis von Off-Chain zu On-Chain Transaktionen kontinuierlich steigt. Während im Jahr 2021 noch 90 Prozent aller Bitcoin-Aktivitäten direkt auf der Blockchain stattfanden, liegt dieser Anteil heute bei unter 70 Prozent. Diese Entwicklung beschleunigt sich durch die zunehmende Verbreitung des Lightning Networks und anderer Skalierungslösungen, was das Gebührenproblem weiter verschärft.
Drei Szenarien: Wie Bitcoin die Gebührenkrise überstehen könnte
Angesichts der strukturellen Herausforderungen entwickeln Analysten verschiedene Zukunftsszenarien, die einen Ausweg aus der Gebührenkrise aufzeigen könnten. Das erste Szenario setzt auf Änderungen im Protokoll, die eine flexiblere Gebührenstruktur ermöglichen. Dabei würden Mechanismen eingeführt, die auch bei geringer Transaktionsnachfrage eine Mindestgebühr garantieren oder alternative Anreize für Miner schaffen.
Das zweite Szenario geht von einer natürlichen Marktbereinigung im Mining-Sektor aus. Wenn die Gebühreneinnahmen sinken, würden weniger effiziente Mining-Betriebe aufgeben müssen. Die verbleibenden, hochspezialisierten Miner könnten mit niedrigeren Margen arbeiten und gleichzeitig von einer reduzierten Netzwerk-Schwierigkeit profitieren, was ihre Position stärken würde.
Das dritte Szenario entwickelt alternative Finanzierungsmodelle für die Netzwerksicherheit. Dabei könnten institutionelle Bitcoin-Besitzer oder Unternehmen, die stark vom Bitcoin-Ökosystem profitieren, freiwillige Beiträge zur Mining-Infrastruktur leisten. Berechnungen zeigen, dass bereits kleine Beiträge der größten Bitcoin-Halter ausreichen würden, um kritische Sicherheitslücken zu schließen und das Netzwerk auch bei dauerhaft niedrigen Transaktionsgebühren stabil zu halten.
Entscheidende Wendepunkte für das Bitcoin-Netzwerk
Die nächsten beiden Bitcoin-Halbierungen werden kritische Momente für die Stabilität des Netzwerks darstellen. 2028 und 2032 sinken die Block-Belohnungen auf 1,5625 bzw. 0,78125 Bitcoin pro Block, was die Abhängigkeit von Transaktionsgebühren dramatisch erhöht. Berechnungen zeigen, dass spätestens ab 2032 mindestens 2-3 Bitcoin pro Block aus Gebühren kommen müssten, um das aktuelle Sicherheitsniveau zu halten.
Besonders kritisch werden die Zeiträume zwischen den Halbierungen, wenn sich Mining-Unternehmen auf neue Kostenstrukturen einstellen müssen. Schwankungen der Hash-Rate in diesen Übergangsphasen könnten vorübergehende Sicherheitslücken schaffen, die das Netzwerk anfällig für koordinierte Angriffe machen. Simulationen verschiedener Gebührenszenarien zeigen, dass bereits ein sechsmonatiger Rückgang der durchschnittlichen Blockgebühren um 70% die Mining-Landschaft destabilisieren könnte.
Die Bitcoin-Entwicklergemeinschaft hat somit nur ein enges Zeitfenster für mögliche Protokoll-Anpassungen. Änderungen am Konsens-Mechanismus benötigen typischerweise mehrere Jahre für Diskussion, Umsetzung und Aktivierung. Experten mahnen, dass notwendige Entscheidungen spätestens bis 2026 getroffen werden müssten, um rechtzeitig vor den kritischen Halbierungs-Zyklen wirksam zu werden.
Fazit: Bitcoin am Scheideweg zwischen Innovation und Stabilität
Das von Galaxy Digital aufgezeigte Gebührenproblem offenbart einen grundlegenden Zielkonflikt im Design der weltweit führenden Kryptowährung. Während Layer-2-Lösungen die Skalierbarkeit und Nutzerfreundlichkeit verbessern, untergraben sie gleichzeitig das bewährte Sicherheitsmodell der Basis-Schicht. Diese Entwicklung stellt Bitcoin vor eine historische Weichenstellung zwischen technologischer Innovation und langfristiger Netzwerkstabilität.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die Bitcoin-Community rechtzeitig tragfähige Lösungen entwickeln kann oder ob Marktmechanismen allein für ein neues Gleichgewicht sorgen. Regulatorische Entwicklungen und die zunehmende institutionelle Akzeptanz könnten dabei unvorhergesehene Dynamiken erzeugen, die sowohl Chancen als auch zusätzliche Risiken mit sich bringen. Die Widerstandsfähigkeit des Bitcoin-Netzwerks wird letztendlich davon abhängen, wie erfolgreich sich das Ökosystem an die veränderten ökonomischen Realitäten einer ausgereiften, weniger wachstumsgetriebenen Kryptowährung anpassen kann.


























