Die Münchner Investmentplattform Scalable Capital hat sich als digitaler Vermögensverwalter und Neo-Broker etabliert, bietet jedoch derzeit kein eigenständiges Festgeldprodukt an. Stattdessen konzentriert sich das Unternehmen auf die Verzinsung von Broker-Guthaben und vermittelt über Kooperationspartner wie Raisin externe Festgeld- und Tagesgeldangebote europäischer Banken. Für Anleger, die nach sicheren Zinsprodukten suchen, stellt Scalable Capital mit seinem verzinsten Verrechnungskonto eine Alternative dar, die jedoch andere Charakteristika als klassisches Festgeld aufweist. Die aktuellen Entwicklungen zeigen eine Transformation des Unternehmens hin zur eigenständigen Depotführung mit Vollbanklizenz, was künftig erweiterte Finanzprodukte ermöglichen könnte.
Scalable Capital: Fokus auf Broker-Services statt klassisches Festgeld
Scalable Capital positioniert sich primär als digitaler Vermögensverwalter und Neo-Broker, nicht als traditioneller Festgeldanbieter. Das Münchner Fintech wurde von Florian Prucker, Erik Podzuweit und Adam French sowie Prof. Dr. Stefan Mittnik ins Leben gerufen und konzentriert sich auf ETF-Anlagen per Robo-Advisor sowie den direkten Wertpapierhandel über die Broker-Plattform.
Anstelle eines eigenen Festgeldprodukts bietet Scalable Capital eine Verzinsung des Broker-Guthabens an, die derzeit bei 2,00 Prozent pro Jahr liegt. Diese Verzinsung erfolgt auf nicht investierte Geldbeträge, die auf dem Verrechnungskonto des Depots verbleiben. Für Kunden des kostenlosen Free Broker-Modells gilt eine Obergrenze von 50.000 Euro, während Prime+ Kunden bis zu 500.000 Euro verzinst bekommen.
Die Zinsgutschrift erfolgt quartalsweise und wird automatisch dem Verrechnungskonto gutgeschrieben. Anders als bei klassischem Festgeld gibt es keine feste Laufzeit oder Zinsbindung – der Zinssatz ist variabel und kann jederzeit angepasst werden. Das Guthaben bleibt täglich verfügbar, was eher den Charakteristika von Tagesgeld entspricht.
Technische Umsetzung der Guthaben-Verzinsung
Die Verzinsung wird nicht direkt von Scalable Capital selbst durchgeführt, sondern über Partnerbanken und qualifizierte Geldmarktfonds realisiert. Zu den Partnern gehören etablierte Institutionen wie die Deutsche Bank, J.P. Morgan Asset Management, DWS und BlackRock. Die Verteilung der Kundengelder erfolgt nach verfügbaren Kapazitäten und Marktbedingungen.
Diese Konstruktion bedeutet, dass Kundengelder teilweise bei Partnerbanken verwahrt und teilweise in Geldmarktfonds investiert werden. Während Bankeinlagen bis 100.000 Euro pro Kunde und Bank durch die gesetzliche Einlagensicherung geschützt sind, unterliegen Geldmarktfonds den europäischen Anlegerschutzregeln (UCITS) ohne Betragsgrenze.
Vermittlung externer Festgeldangebote über Raisin
Für Kunden, die dennoch Zugang zu klassischen Festgeldprodukten wünschen, hat Scalable Capital eine Kooperation mit dem Zinsmarktplatz Raisin geschlossen. Über diese Partnerschaft können Scalable-Kunden auf Festgeld- und Tagesgeldangebote verschiedener europäischer Banken zugreifen, ohne separate Konten bei den jeweiligen Instituten eröffnen zu müssen.
Die über Raisin vermittelten Produkte umfassen Festgeldanlagen mit verschiedenen Laufzeiten und Zinssätzen, die von den jeweiligen Partnerbanken stammen. Diese Angebote sind echte Festgeldprodukte mit festen Zinssätzen und definierten Laufzeiten, unterscheiden sich jedoch von einem hauseigenen Scalable-Produkt.
Durch die Raisin-Integration können Kunden ihre gesamte Finanzplanung über eine einzige Plattform abwickeln – von Sparplänen und Wertpapierinvestitionen bis hin zu verzinsten Sparanlagen. Dies entspricht Scalables Strategie einer umfassenden Finanzdienstleistungsplattform aus einer Hand.
| Produkttyp | Anbieter | Zinssatz | Verfügbarkeit | Einlagensicherung |
|---|---|---|---|---|
| Broker-Guthaben (Free) | Scalable Capital | 2,00% p.a. (variabel) | Täglich verfügbar | Bis 100.000€ + UCITS |
| Broker-Guthaben (Prime+) | Scalable Capital | 2,00% p.a. (variabel) | Täglich verfügbar | Bis 100.000€ + UCITS |
| Festgeld über Raisin | Partnerbanken | Variable nach Bank | Nach Laufzeitende | Jeweilige Bank/Land |
| Tagesgeld über Raisin | Partnerbanken | Variable nach Bank | Täglich verfügbar | Jeweilige Bank/Land |
Vor- und Nachteile der Raisin-Integration
Die Kooperation mit Raisin ermöglicht Scalable-Kunden Zugang zu einem breiten Spektrum europäischer Banken und deren Zinsprodukten. Vorteilhaft ist die zentrale Abwicklung über die bekannte Scalable-Plattform ohne zusätzliche Kontoeröffnungen bei Fremdbanken. Die Verwaltung erfolgt digital und transparent über das gewohnte Interface.
Nachteile können sich aus der mittelbaren Geschäftsbeziehung ergeben, da Kunden nicht direkt mit der kontoführenden Bank, sondern über Scalable und Raisin interagieren. Bei Problemen oder Rückfragen kann dies zu längeren Bearbeitungszeiten führen. Zudem unterliegen die Angebote den jeweiligen nationalen Einlagensicherungssystemen der Partnerbanken.
Transformation zur Vollbank und künftige Entwicklungen
Scalable Capital befindet sich in einer umfassenden Transformation von einem reinen Vermögensverwalter und Broker hin zu einer vollwertigen Digitalbank. Das Unternehmen hat einen Antrag auf Vollbanklizenz gestellt und übernimmt schrittweise die Depotführung von der bisherigen Partnerbank Baader Bank auf die eigene Plattform.
Diese Entwicklung könnte mittelfristig zur Einführung eigener Festgeldprodukte führen, da Vollbanken typischerweise ein breiteres Spektrum an Finanzprodukten anbieten. Mit der Vollbanklizenz würde Scalable Capital berechtigt sein, das komplette Spektrum von Einlagengeschäften, Krediten und anderen Bankdienstleistungen anzubieten.
Die Migration der Kundendepots von der Baader Bank zu Scalable Capital soll im vierten Quartal abgeschlossen werden. Ein umfassender “Umzugsservice” sorgt für die Übertragung aller Wertpapiere und steuerlichen Informationen wie Verlusttöpfe ohne aktive Mitwirkung der Kunden.
Auswirkungen der Depot-Migration auf Zinsprodukte
Die Umstellung auf die eigene Plattform hat bereits jetzt Auswirkungen auf die Zinsverzinsung. Während alte Baader-Bank-Depots nur noch reduzierte oder keine Zinsen erhalten, werden die vollen 2,00 Prozent nur noch auf Guthaben der neuen Scalable-Depots gewährt. Diese Struktur soll Kunden zur Migration auf die neue Plattform motivieren.
Bestandskunden müssen daher ihre Guthaben aktiv von den alten Baader-Depots auf die neuen Scalable-Depots übertragen, um die volle Verzinsung zu erhalten. Gleichzeitig ist die Neueinrichtung von Freistellungsaufträgen erforderlich, da die alten nicht automatisch übertragen werden.
Einordnung und Alternativen für sicherheitsorientierte Anleger
Scalable Capitals Ansatz unterscheidet sich fundamental von traditionellen Festgeldanbietern. Statt fester Zinsbindung und definierter Laufzeiten bietet das Unternehmen flexible, aber variable Verzinsung des Broker-Guthabens. Für Anleger, die klassische Festgeld-Charakteristika suchen – feste Zinsen, Planungssicherheit und Laufzeitbindung – ist das aktuelle Angebot nur bedingt geeignet.
Die Stärken von Scalable Capital liegen in der Integration verschiedener Finanzdienstleistungen auf einer Plattform. Kunden können Wertpapier-Sparpläne, aktiven Handel, Vermögensverwaltung und verzinste Guthaben aus einer Hand nutzen. Diese Convenience eignet sich besonders für Anleger, die ohnehin aktiv Wertpapiere handeln oder langfristige ETF-Strategien verfolgen.
Sicherheitsorientierte Anleger, die primär Festgeld als Kernanlage suchen, finden bei spezialisierten Festgeldanbietern oder traditionellen Banken möglicherweise passendere Angebote. Diese bieten oft höhere Zinssätze für feste Laufzeiten und klarere Einlagensicherung ohne die Komplexität von Geldmarktfonds-Konstruktionen.
Die Entscheidung zwischen Scalable Capital und traditionellen Festgeldanbietern hängt von den individuellen Präferenzen ab: Wer Flexibilität, digitale Abwicklung und integrierte Finanzdienstleistungen schätzt, findet in Scalable Capital einen geeigneten Partner. Anleger, die ausschließlich sichere, planbare Zinserträge ohne weitere Finanzdienstleistungen suchen, sind bei spezialisierten Anbietern möglicherweise besser aufgehoben.
Mit der geplanten Vollbanklizenz könnte sich diese Situation ändern und Scalable Capital künftig eigene Festgeldprodukte anbieten, die beide Welten verbinden – die Sicherheit klassischer Bankprodukte mit der Innovation und Benutzerfreundlichkeit einer digitalen Plattform.



























