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Was passiert, wenn alle Bitcoins geschürft sind?

Im Jahr 2140 wird eine epochale Veränderung die Bitcoin-Welt erschüttern. Der letzte der 21 Millionen Bitcoins wird geschürft sein, und ein System, das über 130 Jahre lang auf Blockbelohnungen basierte, muss sich vollständig neu erfinden. Diese fest programmierte Obergrenze ist kein Designfehler, sondern das Herzstück von Bitcoins revolutionärem Ansatz – eine mathematische Garantie gegen die Inflation, die traditionelle Währungen plagt.

Die Tragweite dieses Ereignisses kann kaum überschätzt werden. Miner, die heute noch mit jedem gefundenen Block 3,125 neue Bitcoins erhalten, werden dann ausschließlich von Transaktionsgebühren leben müssen. Es ist, als würde man einem Bergarbeiter sagen, dass ab morgen kein Gold mehr in der Mine ist – er kann nur noch davon leben, anderen beim Transport ihrer Schätze zu helfen. Diese fundamentale Umstellung wirft Fragen auf, die die Bitcoin-Community seit Jahren beschäftigen und deren Antworten über das Schicksal der wichtigsten Kryptowährung der Welt entscheiden werden.


Das Ende einer Ära: Die Mechanik hinter dem letzten Bitcoin

Die Genialität von Satoshi Nakamotos Design offenbart sich in der präzisen Mathematik, die Bitcoins Ausgabe steuert. Alle vier Jahre halbiert sich die Belohnung für Miner in einem Ereignis, das als “Halving” bekannt ist. Was 2009 mit 50 Bitcoin pro Block begann, schrumpft unerbittlich: 25, dann 12,5, dann 6,25, und seit April 2024 nur noch 3,125 Bitcoin pro Block.

Diese geometrische Progression führt zu einem faszinierenden Phänomen: Obwohl der letzte Bitcoin erst 2140 geschürft wird, werden bereits 2040 über 99% aller Bitcoins im Umlauf sein. Die verbleibenden hundert Jahre werden die Miner um Bruchteile kämpfen lassen, bis schließlich der allerletzte Satoshi – die kleinste Bitcoin-Einheit – vergeben ist. Technisch gesehen wird die tatsächliche Gesamtmenge sogar leicht unter 21 Millionen liegen, da das Protokoll Belohnungen abrundet, wenn sie zu klein werden.

Das Bitcoin-Netzwerk passt sich automatisch an diese Veränderungen an. Der Schwierigkeitsgrad des Minings justiert sich alle 2.016 Blöcke – etwa alle zwei Wochen – um sicherzustellen, dass weiterhin durchschnittlich alle zehn Minuten ein neuer Block gefunden wird. Diese Selbstregulierung funktioniert unabhängig davon, ob tausend oder eine Million Miner aktiv sind.

Die Mathematik der Knappheit

Die Blockchain-Analysten schätzen, dass bereits heute bis zu 20% aller existierenden Bitcoins unwiederbringlich verloren sind. Menschen haben ihre privaten Schlüssel verloren, Festplatten weggeworfen oder sind verstorben, ohne ihre Zugangsdaten zu hinterlassen. Diese verlorenen Coins verstärken die Knappheit zusätzlich und machen Bitcoin noch seltener als ursprünglich geplant.

James Howells aus Wales wurde zum tragischen Symbol dieser Realität, als er 2013 eine Festplatte mit 8.000 Bitcoin wegwarf – heute wären diese über 800 Millionen Dollar wert. Solche Geschichten unterstreichen die Endgültigkeit und Unumkehrbarkeit im Bitcoin-System: Was verloren ist, bleibt für immer verloren.


Die Sicherheitsdebatte: Kann Bitcoin ohne Blockbelohnungen überleben?

Die Diskussion um Bitcoins “Security Budget” – das Geld, das für die Sicherheit des Netzwerks ausgegeben wird – spaltet die Community in zwei Lager. Die Optimisten glauben an eine natürliche Evolution, während die Pessimisten vor einem drohenden Kollaps warnen.

Heute stammen etwa 97% der Miner-Einnahmen aus Blockbelohnungen und nur 3% aus Transaktionsgebühren. Mit einem täglichen Sicherheitsbudget von etwa 25 Millionen Dollar ist das Netzwerk robust geschützt. Ein Angreifer müsste Milliarden investieren und den Stromverbrauch Singapurs aufbringen, um eine 51%-Attacke durchzuführen. Doch was passiert, wenn die Blockbelohnungen wegfallen?

Die Pessimisten zeichnen ein düsteres Bild. Justin Drake von der Ethereum Foundation warnt, dass Transaktionsgebühren um das Hundertfache steigen müssten, um das aktuelle Sicherheitsniveau zu halten. Die Gebühren schwanken bereits heute stark – manchmal zahlen Nutzer nur Cents, in Zeiten hoher Nachfrage aber auch 50 Dollar oder mehr pro Transaktion. Diese Volatilität könnte kleine Miner aus dem Markt drängen und zu einer gefährlichen Zentralisierung führen.

Szenario Auswirkung auf Sicherheit Wahrscheinlichkeit
Gebühren steigen stark Netzwerk bleibt sicher Abhängig von Adoption
Gebühren bleiben niedrig Hashrate sinkt dramatisch Bei stagnierender Nutzung
Bitcoin wird “Digital Gold” Wenige, aber hochwertige Transaktionen Aktueller Trend
Lightning Network dominiert On-Chain nur für Settlement Technologisch möglich

Die Optimisten kontern mit historischen Beispielen und Marktmechanismen. Sie verweisen auf die Evolution des Internets, wo anfangs niemand für E-Mail zahlte, heute aber Milliarden für Cloud-Services ausgegeben werden. Wenn Bitcoin wirklich zu digitalem Gold wird, könnten wenige hochwertige Transaktionen – etwa zwischen Institutionen oder für große Vermögenstransfers – ausreichen, um das Netzwerk zu sichern.


Miner im Wandel: Vom Goldgräber zum Dienstleister

Die Mining-Industrie steht vor ihrer größten Transformation. Heute sind Miner wie moderne Goldgräber, die neue Bitcoins aus dem digitalen Nichts erschaffen. Nach 2140 werden sie zu reinen Dienstleistern, die für die Verarbeitung von Transaktionen bezahlt werden.

Diese Umstellung hat bereits begonnen. Große Mining-Unternehmen diversifizieren ihre Einnahmequellen. Marathon Digital Holdings, einer der größten Bitcoin-Miner, experimentiert bereits mit dem Mining von Transaktionsgebühren-intensiven Blöcken. Andere Miner verkaufen überschüssige Energie an das Stromnetz oder nutzen die Abwärme ihrer Rechenzentren für Gewächshäuser und Heizungssysteme.

Die Effizienz wird zum entscheidenden Faktor. Während früher die schiere Rechenleistung zählte, werden künftig die Miner überleben, die ihre Betriebskosten am besten kontrollieren können. Island und andere Länder mit günstiger, erneuerbarer Energie könnten zu den letzten Bastionen des Bitcoin-Minings werden. Gleichzeitig könnten technologische Durchbrüche – effizientere Chips, bessere Kühlung, oder gar Quantencomputer-resistente Algorithmen – das Spielfeld neu ordnen.

Ein faszinierender Trend ist die zunehmende Integration von Mining in die Energiewirtschaft. Miner siedeln sich gezielt dort an, wo Energie im Überfluss vorhanden ist – bei Wasserkraftwerken in der Regenzeit, bei Solarparks mittags, oder bei Windparks während Stürmen. Sie werden zu flexiblen Energieverbrauchern, die helfen, das Stromnetz zu stabilisieren.


Revolutionäre Lösungsansätze: Zwischen Innovation und Ketzerei

Die Bitcoin-Community diskutiert verschiedene Lösungsansätze, von denen einige als revolutionär gelten, andere als Ketzerei. Das Lightning Network, eine Second-Layer-Lösung, ermöglicht bereits heute Millionen von Transaktionen außerhalb der Hauptblockchain. Nutzer öffnen Zahlungskanäle und können dann beliebig oft Geld hin und her senden, ohne jede einzelne Transaktion auf der Blockchain zu verewigen.

In El Salvador, wo Bitcoin gesetzliches Zahlungsmittel ist, nutzen bereits Hunderttausende das Lightning Network für alltägliche Zahlungen. Eine Tasse Kaffee für umgerechnet zwei Dollar würde auf der Hauptblockchain Gebühren von zehn Dollar oder mehr verursachen – über Lightning kostet sie nur Bruchteile eines Cents. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, könnte die Bitcoin-Blockchain zur Settlement-Layer für große Transaktionen werden, während der Alltag über Lightning abgewickelt wird.

Radikalere Vorschläge stoßen auf heftigen Widerstand. Die Idee einer “Tail Emission” – also einer fortlaufenden, kleinen Ausgabe neuer Bitcoins über die 21 Millionen hinaus – gilt vielen als Verrat an Satoshis Vision. Die 21-Millionen-Grenze ist für viele Bitcoin-Anhänger heilig, ein unveränderliches Versprechen, das Bitcoin von inflationären Fiat-Währungen unterscheidet.

Noch kontroverser ist die Idee, Bitcoin auf Proof-of-Stake umzustellen, wie es Ethereum getan hat. Befürworter argumentieren, dass dies energieeffizienter wäre und das Sicherheitsproblem lösen würde. Gegner sehen darin den Tod von Bitcoin, wie wir es kennen – ein System, das nicht mehr auf Arbeit und Energie basiert, sondern auf Vermögen und damit anfällig für Plutokratie wird.


Bitcoin als digitales Gold: Eine neue Ära der Wertaufbewahrung

Die Transformation von Bitcoin vom “Peer-to-Peer Electronic Cash” zu “Digital Gold” ist bereits in vollem Gange. Institutionelle Investoren wie MicroStrategy halten Bitcoin im Wert von Milliarden Dollar als Treasury-Reserve. Länder wie El Salvador bauen strategische Bitcoin-Reserven auf. Diese Entwicklung deutet auf eine Zukunft hin, in der Bitcoin primär als Wertaufbewahrung dient.

In diesem Szenario wäre die Anzahl der Transaktionen weniger wichtig als deren Wert. Eine einzige Transaktion könnte Millionen oder gar Milliarden Dollar bewegen – zwischen Zentralbanken, Konzernen oder vermögenden Individuen. Die Gebühren für solche Transaktionen könnten problemlos Tausende Dollar betragen und trotzdem nur einen Bruchteil des Transaktionswerts ausmachen.

Bitcoin-Funktion Heute Nach 2140
Primäre Nutzung Investment & Spekulation Digitaler Wertespeicher
Transaktionsvolumen Mittel bis hoch Niedrig, aber hochwertig
Durchschnittliche Gebühr $5-50 $100-10.000+
Hauptnutzer Retail & Institutionen Institutionen & Staaten
Settlement-Zeit 10-60 Minuten Instant via Layer 2

Die Parallelen zu Gold sind frappierend. Gold wird heute kaum noch als Zahlungsmittel verwendet, behält aber seinen Wert als ultimative Reserve. Bitcoin könnte einen ähnlichen Weg gehen – selten bewegt, aber immens wertvoll. Die “Hodler”, die ihre Bitcoin jahrelang nicht anrühren, praktizieren bereits heute dieses Modell.


Die globale Perspektive: Bitcoin in einer multipolaren Welt

Die geopolitische Dimension von Bitcoin nach 2140 könnte entscheidend werden. In einer Welt, in der Währungen als Waffen eingesetzt werden und Sanktionen ganze Volkswirtschaften lahmlegen können, bietet Bitcoin eine neutrale Alternative. Keine Nation kontrolliert es, keine Zentralbank kann es drucken.

Russland und China haben bereits Interesse an alternativen Finanzsystemen signalisiert. Wenn Bitcoin tatsächlich zum neutralen Wertaufbewahrungsmittel wird, könnten Nationen es nutzen, um Handel abseits des Dollar-Systems abzuwickeln. Die Transaktionsgebühren für solche staatlichen Transfers könnten astronomisch sein – und trotzdem günstiger als die politischen Kosten der Alternative.

Gleichzeitig könnten Zentralbank-Digitalwährungen (CBDCs) mit Bitcoin konkurrieren oder koexistieren. Während CBDCs Kontrolle und Überwachung maximieren, steht Bitcoin für Freiheit und Privatsphäre. Diese fundamentale Spannung könnte die Finanzwelt des 22. Jahrhunderts prägen.


Technologische Wildcard: Unerwartete Durchbrüche

Die Geschichte lehrt uns, dass technologische Durchbrüche oft unerwartet kommen. Niemand hätte 2009 vorausgesagt, dass Bitcoin eine Billion Dollar Marktkapitalisierung erreichen würde. Ebenso schwer ist es, die technologische Landschaft von 2140 vorauszusagen.

Quantencomputer könnten Bitcoins Kryptographie bedrohen – oder neue, noch sicherere Verschlüsselungsmethoden ermöglichen. Künstliche Intelligenz könnte Mining-Strategien revolutionieren oder neue Angriffsvektoren eröffnen. Vielleicht entstehen völlig neue Layer-2-Lösungen, die heute noch unvorstellbar sind.

Ein besonders faszinierender Aspekt ist die mögliche Integration von Bitcoin in das “Internet of Things”. Maschinen könnten untereinander in Bitcoin handeln – selbstfahrende Autos bezahlen für Parkplätze, Smart Grids handeln Energie, Drohnen bezahlen für Luftraum. In einer solchen Welt könnten Millionen von Mikrotransaktionen über Second-Layer-Netzwerke laufen, während die Bitcoin-Blockchain nur für finale Settlements genutzt wird.


Die menschliche Dimension: Generationenwechsel und kultureller Wandel

Niemand, der heute lebt, wird 2140 erleben. Dies wirft faszinierende Fragen über Generationengerechtigkeit und langfristiges Denken auf. Wir treffen heute Entscheidungen für unsere Urenkel und deren Kinder. Die Bitcoin-Community muss eine Kultur schaffen, die über Generationen hinweg Bestand hat.

Die “Bitcoin-Maximalisten” von heute könnten die Gründerväter einer neuen Finanzordnung sein. Ihre unerschütterliche Überzeugung, dass die 21-Millionen-Grenze heilig ist, könnte sich als prophetisch erweisen – oder als dogmatisch. Die Wahrheit wird vermutlich irgendwo dazwischen liegen.

Interessant ist auch die soziale Evolution. Heute sind Bitcoin-Nutzer oft technikaffine Individualisten. In hundert Jahren könnte Bitcoin so alltäglich sein wie heute das Internet. Die kulturellen Normen und Praktiken, die sich um Bitcoin entwickeln, werden seine Zukunft mitbestimmen. Werden Menschen Bitcoin horten oder ausgeben? Werden sie es als Währung oder als Vermögenswert sehen? Diese kulturellen Fragen sind genauso wichtig wie die technischen.


Fazit

Die Frage, was passiert, wenn alle Bitcoins geschürft sind, ist mehr als ein technisches Rätsel – es ist ein Spiegel unserer Hoffnungen und Ängste für die Zukunft des Geldes. Die Herausforderungen sind real: Ein Sicherheitsmodell, das vollständig auf Transaktionsgebühren basiert, ist ungetestet. Die Gefahr der Zentralisierung lauert. Technologische Disruptionen könnten alles verändern.

Doch die Geschichte von Bitcoin ist eine Geschichte der Überwindung von Zweifeln. Von den frühen Tagen, als es als “Magic Internet Money” belächelt wurde, bis zur heutigen Akzeptanz durch Institutionen und Staaten – Bitcoin hat immer wieder Skeptiker widerlegt. Die Community hat Lösungen für Probleme gefunden, die unlösbar schienen.

Das Jahr 2140 mag weit entfernt erscheinen, doch die Weichen werden heute gestellt. Jede Protokoll-Entscheidung, jede neue Technologie, jede regulatorische Entwicklung formt die Zukunft. Ob Bitcoin als digitales Gold endet, als globale Reservewährung, oder als etwas völlig Unerwartetes – die Reise dorthin verspricht faszinierend zu werden.

Eines ist sicher: Die Endlichkeit von Bitcoin ist kein Bug, sondern ein Feature. In einer Welt endloser Gelddruckerei und schleichender Inflation bietet Bitcoin eine Alternative. Die 21 Millionen Grenze ist ein Versprechen an zukünftige Generationen – ein mathematisch garantiertes Erbe der Knappheit in einer Welt des Überflusses. Wie dieses Erbe genutzt wird, liegt in den Händen derer, die nach uns kommen.






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