Die Schweizerische Nationalbank sieht in großen Stablecoins ohne Anbindung an Banken und Zentralbankgeld eine Belastung für ihre Geldpolitik. Direktoriumsmitglied Petra Tschudin forderte am 30. September eine Ausgestaltung und Regulierung, die den Auftrag der Notenbank nicht gefährdet; konkrete Maßnahmen nannte sie nicht.
Tschudin sprach auf der Prognosetagung der Konjunkturforschungsstelle KOF in Zürich. Ihr Vortrag trug den Titel “Neue Geldformen und die Rolle der SNB”. Ihr Fazit, wörtlich aus der veröffentlichten Präsentation: “Grosse Stablecoins und eine fehlende Anbindung an das zweistufige Finanzsystem erschweren u.a. die Transmission der Geldpolitik.”
Gemeint ist der Weg, auf dem ein Zinsentscheid der Notenbank bei Krediten, Ersparnissen und Preisen ankommt.
Zwei Arten von Stablecoins unterscheidet die SNB
Das heutige System ist zweistufig: Banken wickeln Zahlungen untereinander in Zentralbankgeld ab und schöpfen über Kredite eigenes Geld, die Notenbank steuert über den Zins, wie knapp es ist. Dieses Gefüge dient nach der Präsentation vier Zwecken, darunter der Einheitlichkeit des Geldes und der Bereitstellung von Notfallliquidität. Die beiden anderen sind die Wirkung der Geldpolitik und sichere Zahlungen.
Stablecoins mit starker Anbindung sind durch Bank- oder Zentralbankgeld gedeckt und hängen am bestehenden Zahlungsverkehr. Sie können nach Einschätzung der SNB Gebühren senken und den Wettbewerb beleben, beeinträchtigen die Funktionen des Zentralbankgelds aber je nach Regulierung und Größe: Fließt Geld aus Bankeinlagen in solche Token ab, kann das die Kreditvergabe und die Wirkung der Geldpolitik schwächen; die Präsentation nennt das Disintermediation.
Kritischer sieht die Notenbank Stablecoins mit loser Anbindung. Sie sind rein durch Wertpapiere gedeckt, was den Emittenten eine höhere Rendite bringt, und laufen als eigenes Zahlungssystem neben Banken und Zentralbank. Als Vorteil gesteht ihnen die SNB eine getrennte Infrastruktur für den Krisenfall zu, als Folge sieht sie die Funktionen des Zentralbankgelds “durch grosse Stablecoins geschwächt”.
Der Markt wird von zwei Dollar-Token beherrscht
Wie groß große Stablecoins inzwischen sind, zeigen die beiden führenden: Tether (USDT) kam am 1. Oktober um 12:12 Uhr MESZ auf einen Marktwert von 183,8 Milliarden US-Dollar, USD Coin (USDC) auf 74,1 Milliarden. Quelle: CoinGecko
In der Schweiz spielen Stablecoins nach Angaben der Nachrichtenagentur AWP bisher nur eine untergeordnete Rolle. Die Notenbank selbst setzt auf eine Modernisierung von innen: tokenisierte Bankeinlagen und digitales Zentralbankgeld für Banken, die nach ihrer Darstellung die Funktionen des Zentralbankgelds nicht berühren. Neue Anbieter drängen trotzdem in den Markt, etwa mit dem Dollar-Stablecoin Open USD oder dem unter MiCA ausgegebenen USDAU von AllUnity.
Im Euroraum läuft die Debatte in eine etwas andere Richtung. Die Notenbanken des Eurosystems hatten vorgeschlagen, die Pflicht zu Bankeinlagen für Stablecoin-Reserven durch Liquiditätsvorgaben zu ersetzen.
Wie die Schweiz ihre eigenen Regeln für Stablecoin-Emittenten fasst, entscheidet nicht die SNB, sondern der Gesetzgeber in Bern.
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